Eine Heilpraktikerin (Psychotherapie) erzählt...

... von ihrer täglichen Praxis, von seriöser und verantwortungsvoller Arbeit und vom Umgang mit Pauschalurteilen

Sandra Brökel - ehemalige Absolventin unserer Schule und Heilpraktikerin (Psychotherapie) - erzählt von ihrer Praxisarbeit und äußert sich zur unsachlichen und falschen Darstellung unseres Berufes durch gewisse Interessengruppen.

Lesen Sie einen spannenden Erfahrungsbericht aus dem Alltag einer Kollegin und ein Plädoyer für eine sachliche Diskussion rund um "weiße und schwarze Schafe".

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Sandra Brökel
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Schreib- und Trauertherapeutin
Steinheim/Westfalen

www.praxis-sandra-broekel.de

Warum wir Heilpraktiker eine Lücke im Gesundheitswesen schließen

Für eine verantwortungsvolle, seriöse Arbeit und respektvollen Umgang verschiedener Berufsgruppen miteinander

Michaela (*Name geändert) bekommt Schnappatmung. Ihr heiß geliebter Kleinwagen ist nur noch ein Totalschaden ohne nennenswerten Restwert. Die Hupe geht noch. Aber leider hat der Inhaber einer freien Autowerkstatt versehentlich ein tragendes Teil mit einer Flex durchgeschnitten. Das war´s. Das Auto landet auf dem Schrottplatz. „Tut mir leid", sagt der selbständige Automechaniker mit einer Alkoholfahne.

Thomas (*Name geändert) kriegt Herzrasen. Sein Vermögensberater eröffnet ihm mit einer unschlagbaren Eloquenz, dass er mit dem Geld, das er für seine Altersvorsorge über Jahrzehnte sparte, vielleicht noch mit seiner Frau ein Eis essen kann. Abzüglich der Gebühren reicht es vielleicht sogar noch für einen Cappuccino danach. Mehr Kaufkraft bietet das Wertpapierdepot nicht mehr.

Beide Geschichten sind wahr und beide in meinem Bekanntenkreis passiert. Ich frage mich, wieso diese Menschen nicht an die Öffentlichkeit gingen und lautstark ein Berufsverbot aller freien Autowerkstätten und aller freien Vermögensberater fordern. Das meine ich ganz ernst. In beiden Fällen sind eklatante Fehler unterlaufen und solche Menschen dürfen doch wohl bitte nicht mehr ihren Beruf ausüben! Und nicht nur diese beiden, sondern wenn dann gleich bitte alle!

Aber es gibt sie immer noch: Die Investmentbanker, die freien Vermögensberater, die freien Autowerkstätten, die großen Konzerne mit ihren Dieselflotten. Der Grund ist einfach: Es gibt nämlich auch sehr gut ausgebildete, seriöse und faire Menschen und Unternehmen. In jedem Beruf. Pauschalierungen sind wenig hilfreich, unsachliche und emotionsgeladene Diskussionen ebenso. Sie scheren alle Menschen eines Berufsstandes über einen Kamm und heben die schwarzen Schafe auf eine Bühne, die ihnen nicht gebührt. Diejenigen, die hart, seriös und ehrlich arbeiten, stehen plötzlich abseits des Rampenlichts und werden kaum mehr wahrgenommen. Das ist eine zutiefst subjektive und einseitige Wahrnehmung, Objektivität und fundierte Argumente gehen verloren.

Ich arbeite als Heilpraktikerin für Psychotherapie in eigener Praxis. Ich orientiere meine Arbeitsweisen an empirisch belegten Interventionen. Da ich ein Mensch bin, kann es durchaus sein, dass mir Fehler unterlaufen. Doch meine Pflicht ist es, nach besten Wissen und Gewissen zu handeln, mich kontinuierlich fortzubilden, mich mit Kollegen auszutauschen und mir kompetente Hilfe zu suchen, wenn ich spüre, dass ich nicht weiterkomme. So funktioniert das. Ich weiß, was ich kann und kenne gleichzeitig meine Grenzen. Ich liebe den Austausch mit Hausärzten, auch den mit Psychologischen Psychotherapeuten und Psychiatern. Gelegentlich kommt es nämlich vor, dass ich mich nach einer Schweigepflichtentbindung durch den Patienten mit diesen abstimme.
Dabei ist mir schon mehrfach aufgefallen, dass sie erstaunt sind, wenn ich als Heilpraktikerin für Psychotherapie mit ICD-10-Codierung arbeite, die Diagnosekriterien im Kopf habe und entsprechende Interventionen und Therapieplanungen nenne. Scherzhaft frotzelnd bat ich einmal einen Arzt, er möge doch bitte sein Klischeebild korrigieren: Heulende Walgesänge, Räucherstäbchen, Engelsenergie, Kartenlegen und Tischerücken gehören weder zu meiner Ausbildung noch zu meiner täglichen Arbeit. Seitdem arbeiten wir gerne zusammen und er schickt mir regelmäßig neue Klienten. So einfach.

Ich wohne im ländlichen Ostwestfalen. Ein Mensch in einer akuten Krise, einer Anpassungsstörung oder einer depressiven Episode wartet bis zu einem Jahr auf einen Therapieplatz bei einem kassenzugelassenen Psychologischen Psychotherapeuten. Das ist lang. Zu lang. Das Schlupfloch über das SGB V, welches eine Therapie bei unzumutbarer Wartezeit verspricht, klingt in der Theorie vernünftig und gut. In der Praxis haben die Patienten häufig zu wenig Kraft für die Auseinandersetzung mit den Krankenkassen.
Dann kann es passieren, dass mich mein Funkmelder mit seinem schrillen Ton aus dem Schlaf reißt. Ich engagiere mich ehrenamtlich bei den Notfallseelsorgern. Und dann fahre ich zu Familien, in denen sich Vater, Mutter, Tochter oder Sohn suizidiert haben. „Er wollte sich ja helfen lassen, aber niemand hatte einen Platz….", höre ich nicht selten. In der Klinik habe man nur starke Medikamente gegeben, für eine Psychotherapie fehlte das Personal…
Das ist nur ein Beispiel, das verdeutlicht, dass auch Heilpraktiker eine Lücke im Gesundheitswesen schließen könnten.

Bei objektiver Betrachtung geht es in keiner Weise um ein Konkurrenzdenken, sondern vielmehr um eine sinnvoll ergänzende Zusammenarbeit. Es ist doch ein Fakt, dass wenn die Schulmedizin am Ende ihrer Künste ist, manchmal ein alternatives Heilverfahren eine Linderung der Beschwerden erreicht.
Auch hier möchte ich ein wahres Beispiel anbringen: Meine Tochter war damals zwei Jahre alt und stolperte von einem Infekt in den nächsten. Mandelentzündung, Mittelohrentzündung, Nierenbeckenentzündung und so weiter. Immer wieder Antibiotika. Einmal sogar stationär in der Kinderklinik. Es nahm kein Ende und ich, schwanger mit ihrem kleinen Bruder, war auch am Ende. Auf Empfehlung einer befreundeten Mutter ließ ich für die Kleine eine homöopathische Anamnese machen. Ich bezahlte aus eigener Tasche und nach zwei Stunden bekam meine kleine Tochter drei kleine weiße Kügelchen auf die Zunge gelegt. Ich war entsetzt! Ich ging nach Hause und sagte zu meinem Mann: „Tja, so schnell hab ich noch nie Geld zum Fenster rausgeworfen…" Lange Rede, kurzer Sinn: Unsere Tochter war ab diesem Moment gesund. Wirklich gesund und sehr widerstandsfähig. Über Jahre. Das kann kein Zufall sein und auch kein Placebo. Denn weder ich noch das Kind glaubten an einen Erfolg.

Das ist es, was ich persönlich mir wünsche: Eine respektvolle Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Heilpraktikern. Davon profitieren beide Berufsgruppen und vor allem die Patienten! Jede Berufsgruppe hat Kernkompetenzen und keine von beiden das Recht, der anderen eine pauschalierte Inkompetenz zu unterstellen. Schwarze Schafe gibt es überall!

Auch in der Bankenkrise gibt es noch ehrliche Bankberater. In der katholischen Kirche arbeiten trotz Missbrauchsskandal fantastische Priester und Seelsorger mit Herz und Seele. Ebenso gibt es seriöse Gebrauchtwagenhändler und begnadete Mechaniker in freien Autowerkstätten. Wenn ein einzelner Krank(en)pfleger zum Todesengel wird, schreit auch niemand nach einem Berufsverbot für alle Pflegekräfte. Weil es absurd wäre und die gesamte Struktur des Gesundheitswesens ohne Schwestern und Pfleger zusammenbrechen würde.

Unter psychedelischen Drogen torkelnde Heilpraktiker bei einer Fortbildung (so geschehen im Raum Hamburg vor einigen Jahren und groß in den Medien), fragwürdige Behandlungen von Krebspatienten mit himmelschreienden Heilungsversprechen durch Heilpraktiker – ja, das alles gehört verboten und auch strafrechtlich verfolgt! Aber diese Fälle dürfen nicht als Argument gegen eine gesamte Berufsgruppe verwendet werden.

Ich persönlich wünsche mir eine einheitliche Ausbildung und Überprüfung aller Heilpraktiker in Deutschland. Und einen offenen, von Wertschätzung geprägten Dialog aller Beteiligten im Gesundheitssystem. Nur so lassen sich reißerische Geschichten und pauschalierende Aussagen auf einer rationalen Ebene aus der Welt schaffen.
Dass einige wenige Heilpraktiker den Ruf unserer Berufsgruppe geschädigt haben, ist wohl nicht zu leugnen. Das möchte ich auch nicht schönreden. Auch ich habe mich schon geschämt, meinen Titel zu nennen, nachdem ich auf zweifelhafte Kollegen gestoßen war. Wie diese eine Amtsarztüberprüfung bestanden haben, ist mir tatsächlich schleierhaft…
Wohingegen ich davon überzeugt bin, dass genau in dieser Diskussion auch eine Chance liegt:

Denn in sachlichen und fundierten Gesprächen dürfen Missstände offen benannt werden. Die gilt es dann zu beseitigen, und unter dem Strich bleibt eine Verbesserung.
Wer den Mut hat, nach seinen Fehlern zu suchen und diese nach bester Kraft zu korrigieren, der ist auf einem guten Weg. Am Ende sollte dann eine selbstbewusste Berufsgruppe von Heilpraktikern sagen können: Ja, das lief schief, das haben wir korrigiert. Und vor allem sollten Heilpraktiker sagen können: Das leisten wir, darin sind wir kompetent, da liegen unsere Möglichkeiten und da stoßen wir an Grenzen, bei denen die Patienten in die Hände der Schulmedizin gehören. Darauf sind wir stolz und aus dem Grund hat unser Berufsstand, genau wie alle anderen, in Deutschland seine Berechtigung.